Was wir Liebe nennen. Freundinnenschaft im Patriarchat.
- Ulrike Lichtenberg

- 30. Mai
- 5 Min. Lesezeit
Liebe muss nicht immer romantisch sein. Ein Aufruf.

Was wir Liebe nennen
Vielleicht war er einfach emotional unavailable. Emotional nicht verfügbar. Emotional unerreichbar. Emotional verschlossen. Emotional abwesend. Emotional auf Distanz.
Vielleicht hatte er Bindungsangst. Vielleicht war er avoidant attached. Vielleicht war sein inneres Kind verletzt. Vielleicht hatte er Angst vor Nähe. Vielleicht war er narzisstisch. Vielleicht war er traumatisiert. Bestimmt war er überfordert. Vielleicht war er nicht beziehungsfähig.
Und vielleicht war er einfach ein Mann?
1:53 Uhr. Ich liege im Bett und scrollte mich durch die gesamte Industrie weiblicher Break-Up-Verarbeitung. Reels. Podcasts. TikToks. Youtube.
Therapeutinnen mit Headsets und Frauen mit verweinten Augen erklären mir toxische Männlichkeit, Gaslighting, male entitlement, weaponized incompetence und die male loneliness epidemic.
Sie sagen: „Wenn ein Mann sagt, er sei schlecht im Kommunizieren, glaub ihm.“
oder
„Avoidants kommen immer zurück.“
oder
„Ein emotional unreifer Mann wird dich gleichzeitig brauchen und zerstören.“
oder
„Das Patriarchat bringt Männern nicht bei, emotional verfügbar zu sein.“
oder
„5 Dinge, die Narzissten nach einer Trennung bereuen.“ usw. usf.
Ich verstehe erst gar nichts. Und dann auf einmal ganz viel.
Je mehr ich das Verhalten von Männern analysiere, Muster suche und finde und mich in meinem unbedingten Verstehen wollen, emotional völlig verausgabe, desto absurder wird die eigentliche Frage:
Warum verbringen Frauen nach Trennungen eigentlich hunderte Stunden damit, Männer zu entschlüsseln, zu analysieren und verstehen zu wollen?
Dieses zwanghafte zu verstehen versuchen, warum ein Mann lügt, betrügt, verletzt, enttäuscht, verheimlicht, während er sich vor der eigenen Verantwortung drückt… ist… Zeitverschwendung.
Ich denke: Es waren Männer, einer nach dem anderen, die mich, in den Abgrund gestoßen haben, aber es waren IMMER Frauen, die mich auffingen.
Immer waren es die Frauen in meinem Leben, die mich trugen, als die Last meines wunden Herzens zu groß für mich allein wurde. Sie gehen nachts ans Telefon, wenn ich vor lauter Gedankenspiralen keinen Schlaf finden kann. Sie hören sich meine 20-Minuten-Sprachnachrichten an und antworten mit genau dem Pep-Talk, den ich in diesem Moment brauche. Sie fragen mich: „Hast du heute schon etwas gegessen?“ Sie sitzen mit mir heulend auf dem Badezimmerboden. Sie sagen: „Du bist nicht verrückt.“ Sie kaufen für mich ein, wenn ich zu erschöpft bin, um rauszugehen. Sie erinnern mich daran, dass ich ein Mensch bin. Immer waren es die Frauen in meinem Leben.
Frauen, die ihre eigenen Krisen haben und trotzdem noch Platz für meine Gefühle machen. Frauen, die erschöpft sind, Frauen, die den Kopf voll haben. Frauen, die eine tiefe Verbundenheit in den Verletzungen der jeweils anderen sehen und fühlen können. Frauen, die seit Jahrhunderten die emotionale Infrastruktur für eine Welt bereitstellen, die sie gleichzeitig permanent entwertet.
Frauen, die hinschauen, die zuhören, die trösten, die die eigene Wut als Kraftquelle nutzen, um laut zu sein – füreinander.
Es klingt gleichzeitig banal und revolutionär:
DAS ist Liebe. Genau das ist sie doch, die Liebe. Oder nicht?
Ich denke: Sind nicht Freundinnenschaften die eigentliche wahre Liebe unseres Lebens?
Das Patriarchat verkauft uns romantische Cis-Hetero-Beziehungen als Hauptgeschichte unseres Lebens. Als höchste Form von Intimität. Als Ziel. Als Sieg. Als Happy End.
Dabei bestehen erstaunlich viele heterosexuelle Beziehungen vor allem daraus, dass Frauen emotionale Care-Arbeit leisten, während Männer dafür Applaus erwarten, sich am bare minimum entlangzuhangeln.
Frauen werden, v.a. in Hetero-Beziehungen, emotional unterversorgt und das nennt man dann Romantik. Das Patriarchat hat die Messlatte für Männer so tief in den Erdkern verlegt, dass Respekt bereits wie Luxus wirkt. Und plötzlich nennen Männer es Princess Treatment, wenn sie Dinge tun, die für Frauen in Freundinnenschaften seit Jahrhunderten selbstverständlich sind.
Meine Freundinnen hören mir zu.
Meine Freundinnen merken, wenn meine Stimme anders klingt.
Meine Freundinnen fragen nach.
Meine Freundinnen wissen, welche Themen mich belasten.
Meine Freundinnen entschuldigen sich ehrlich.
Meine Freundinnen merken sich Kleinigkeiten.
Meine Freundinnen sorgen dafür, dass ich mich geliebt fühle.
Meine Freundinnen bringen Suppe vorbei.
Meine Freundinnen schicken mir Memes, wenn ich schlecht drauf bin.
Meine Freundinnen feiern meine Erfolge.
Meine Freundinnen respektieren meine Grenzen.
Meine Freundinnen hören ein Nein als vollständigen Satz.
Meine Freundinnen machen Komplimente, einfach so.
Meine Freundinnen behandeln Fürsorge nicht wie eine Währung mit Anspruch auf Rückzahlung.
Keine von ihnen erwartet standing ovations dafür.
Je älter ich werde, desto weniger interessiert mich die romantische Fantasie, endlich den einen emotional kompetenten Mann zu finden, der mich heilt, versteht und korrekt liebt, weil ich angefangen habe zu begreifen, wo Liebe tatsächlich stattfindet.
Am Küchentisch.
In Sprachnachrichten.
In Gruppenchats.
Auf Badezimmerböden.
In „Es war wieder mal so schön heute Abend mit euch!“.
In gemeinsam getragenen Krisen.
In Community Care.
In feministischer Wut.
In kollektiver Erschöpfung.
In weiblicher Solidarität.
Freundinnenschaft ist eine eigene radikale Form von Intimität.
Freundinnen sehen einander altern.Sie kennen die Versionen voneinander, die niemand sonst mehr erinnert. Sie erleben Trennungen, Krankheiten, Todesfälle, Nervenzusammenbrüche, berufliche Krisen, Familienkatastrophen. Sie archivieren einander. Sie tragen Erinnerung füreinander, wenn die eigene Kraft nicht reicht.
Und genau darin liegt etwas zutiefst Politisches.
Das Patriarchat profitiert davon, Frauen voneinander zu isolieren und zu Konkurrentinnen zu formen. Frauen beschäftigt zu halten im Kampf um männliche Anerkennung. Frauen dazu zu bringen, sich selbst über ihre Begehrbarkeit zu definieren. Frauen einzureden, dass romantische Liebe wichtiger sei als Schwesternschaft.
Dabei waren Frauen schon immer das Sicherheitsnetz. Frauen tragen die Gesellschaft.
Madeleine Trebenski schreibt: Anything men can do, I can do bleeding.
Frauen bluten in ihrem Leben durchschnittlich 6,5 bis 8 Jahre lang am Stück. Dabei gehen sie arbeiten, machen Kunst, versorgen Communities und Familien. Frauen können alles schaffen.
Für mich bedeutet feministische Praxis, Frauen wieder zum Zentrum unseres emotionalen Seins zu machen. Wir sollten aufhören, Männer automatisch zur wichtigsten Beziehung unseres Lebens zu erklären. Und vielleicht beginnt Heilung genau dort.
Dort, wo Frauen aufhören, ihre gesamte Kraft und emotionale Energie dafür zu verschwenden, männliches Unvermögen verstehen und reparieren zu wollen.
Die Revolte beginnt dort, wo wir anfangen, unsere Aufmerksamkeit neu zu verteilen.
Und zwar dorthin, wo sie sich längst wie Zuhause anfühlt. Zu den Frauen, die an unserer Seite stehen, die geblieben sind. Zu den Frauen, die uns tragen – immer wieder.
Es sind unsere Freundinnenschaften, die auf einem viel stärkeren Fundament basieren, als es romantische Beziehungen jemals könnten. In Freundinnenschaften leben wir Solidarität, Vertrauen und hingebungsvolle Liebe. Ich habe verstanden, dass ich die Liebe, die ich in romantischen Beziehungen mit Männern mein Leben lang gesucht habe, in der Verbundenheit und Konsistenz meiner Freundinnenschaften finden und leben kann.
Meine Freundinnen haben mich öfter gerettet als jeder Mann, den ich je geliebt habe.
Also lasst uns Freundinnen sein. Lasst uns Banden bilden, uns verbünden, uns gegenseitig feiern und unterstützen, abseits von männlicher Validierung. Lasst uns Frauen und Freundinnenschaften ins Zentrum unseres Lebens rücken. Lasst uns einander ernst nehmen. Lasst uns füreinander kochen, miteinander planen, leben und Neues erschaffen. Lasst uns gegenseitig daran erinnern, wer wir sind, wenn das Patriarchat versucht, uns klein, leise oder konkurrenzfähig zu machen.
Lasst uns aufhören zu glauben, dass die wichtigste Liebe unseres Lebens zwingend romantisch sein muss. Lasst uns aufhören, Männer automatisch zur emotionalen Hauptfigur unserer Geschichten zu erklären.
Lasst uns Gemeinschaften bauen, in denen Frauen nicht erst zusammenbrechen müssen, um Fürsorge zu verdienen. Lasst uns Räume schaffen, in denen Zärtlichkeit nicht an Leistung gekoppelt ist. Lasst uns Komplizinnen werden, denn in einer Welt, die Frauen voneinander trennen will, ist Freundinnenschaft radikal.
Sie ist Widerstand.
Sie ist Überleben.
Sie ist politische Praxis.
Sie ist Liebe.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas Neues.
Nicht in der Suche nach dem perfekten Mann. Nicht in noch mehr Verständnis für männliches Unvermögen. Nicht darin, uns weiter auszuhöhlen für Beziehungen, die uns gerade genug geben, damit wir bleiben.
Sondern in der Entscheidung, Frauen endlich sichtbar und fühlbar den Platz einzuräumen, den sie in unserem Leben schon immer hatten.
Den Platz auf unseren Sofas und in unseren Küchen. In unseren Erinnerungen und Zukunftsplänen. In unseren Krisen und unseren schönsten Momenten.
Den Platz im Zentrum unserer Fürsorge.
Im Zentrum unserer Liebe.
Im Zentrum unserer Leben.
Vielleicht beginnt Heilung genau dort:wenn wir aufhören zu fragen, warum Männer uns nicht gehalten haben - und anfangen zu sehen, wer es die ganze Zeit über und immer wieder aus vollstem Herzen tut.
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Und wenn du zusammen mit anderen FLINTA*'s gegen das Patriarchat anschreiben möchtest, dann komm gern in meinen monatlichen Schreibkurs "FRAUEN*schreiben".
Bleib inspiriert & kämpferisch,
Ulrike




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