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Liebe ist politisch. Ein Manifest.

Aktualisiert: 8. März

Eine Beziehung ist zu Ende gegangen.

Zwei Menschen verliebten sich, entschieden sich füreinander, lebten 14 Jahre lang ein gemeinsames Leben und dann. Der Sturz ins Nichts.


Ein Schwarzweißbild zeigt Die Wahlrechtsaktivistin Flora Dodge „Fola“ La Follette (1882–1970), die Sozialreformerin und Missionarin Rose Livingston und eine junge Streikerin während eines Bekleidungsstreiks in New York City im Jahr 1913.
Liebe im Patriarchat. Ein Fiebertraum.

In den letzten Tagen haben mich viele Nachrichten erreicht: Nachfragen, Vermutungen, vorsichtige Annäherungen. Wenn eine lange Beziehung endet, entsteht ein Vakuum – und in diesem Vakuum will Sinnhaftigkeit, wollen Gründe und Antworten gefunden werden.


Die Zeit splittet sich in ein Davor und ein Danach. Vor der Trennung sind Dinge passiert, die für mich Grenzen überschritten haben: Lügen, ein massiver Vertrauensbruch, Unehrlichkeit, Intransparenz.


Ich habe erlebt, wie jemand, den ich für reflektiert, solidarisch und politisch bewusst gehalten habe, plötzlich eine Seite gezeigt hat, die ich so nicht kannte – selbstbezogen, ausweichend und erschreckend wenig bereit, Verantwortung zu übernehmen.


Was mich dabei besonders wütend macht, ist der Kontext. Wir bewegen uns in einem linken, politisierten Umfeld. In einem Umfeld, in dem Werte wie Verantwortung, Solidarität, Vertrauen und feministische Praxis unseren Alltag formen.


Und doch zeigt sich gerade hier oft auch eine Form von Doppelmoral: öffentlich korrekt, politisch geschniegelt – privat aber völlig unwillig, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.


Liebe und Beziehungen passieren vordergründig im Privaten. Das Private ist politisch, also ist Liebe politisch. Ein Manifest.


Ich schreibe dies, weil ich es satthabe, dass bestimmte Verhaltensweisen von Männern immer wieder verharmlost werden – auch und vor Allem in linken Kontexten.


Lügen, Betrügen, emotionale Verantwortungslosigkeit und das anschließende Wegducken sind keine kleinen „Beziehungsprobleme“. Sie sind Teil einer Kultur, in der Männer gelernt haben, dass ihr Verhalten selten ernsthafte Konsequenzen hat.


Für mich bedeutet Feminismus nicht nur Theorie oder politische Haltung nach außen. Er bedeutet auch, im eigenen Leben klar zu benennen, wenn Grenzen überschritten wurden. Feminismus bedeutet, Verhalten zu benennen, das verletzend, respektlos und verantwortungslos ist.


Es gibt eine Form von männlicher Sozialisation, die auch im linken Spektrum erstaunlich stabil überlebt hat: die Bro Culture - Nach außen politisch korrekt. Im privaten Verhalten aber oft erstaunlich bequem mit Lügen, Grenzüberschreitungen und emotionaler Verantwortungslosigkeit.


Und wenn der Betrug dann auffliegt, folgt ein vertrautes Drehbuch: Relativieren. Verharmlosen. Ausweichen. Schweigen.


Ich habe kein Interesse daran, diese Strukturen aufrecht zu erhalten.


Vor allem habe ich kein Interesse daran, die Rolle der armen, betrogenen, verlassenen Frau zu übernehmen. Diese Rolle ist Teil derselben kulturellen Logik, die Männer schützt und Frauen zum Schweigen bringt. Die Frau soll verletzt sein, aber bitte würdevoll still. Sie soll leiden, aber nicht laut werden. Sie soll die Fassung bewahren, damit das soziale Umfeld nicht irritiert wird.


Ich werde mich nicht kleiner machen, um das Image eines Mannes zu schützen, der sehr genau weiß, was er getan hat.


Wenn erwachsene Männer glauben, sie könnten lügen, betrügen, Verantwortung vermeiden und sich danach weiterhin als moralisch besonders reflektierte Vertreter eines aufgeklärten Milieus präsentieren, dann darf man das auch benennen.


Ich habe lange geglaubt, dass bestimmte Formen von Respekt selbstverständlich sind. Dass Menschen, die sich politisch als solidarisch verstehen, auch in ihrem persönlichen Verhalten eine gewisse Integrität zeigen.


Diese Illusion habe ich verloren.


Ich werde nicht schweigen, damit ein sozialer Frieden erhalten bleibt, der auf Unehrlichkeit basiert. Und ich werde ganz sicher nicht so tun, als sei all das nur eine private Angelegenheit ohne politische Dimension. Beziehungen existieren nicht im luftleeren Raum. Sie spiegeln die Strukturen wider, in denen wir leben.


Wenn Männer glauben, sie könnten in progressiven Kontexten ein moralisches Image aufbauen und gleichzeitig erwarten, dass ihr persönliches Verhalten davon unberührt bleibt, dann ist das kein individuelles Problem. Es ist ein Strukturelles.


Feminismus bedeutet auch die Normalisierung von männlicher Verantwortungslosigkeit nicht mehr freundlich lächelnd zu übergehen.


Wer lügt, betrügt und Vertrauen zerstört, trägt die Verantwortung dafür.

Ich gehe aus dieser Beziehung nicht als Opfer.


Ich gehe mit Wut, Klarheit und der Entscheidung, meine Stimme nicht zu dämpfen, nur damit sich andere wohler fühlen.


Und wenn dieser Text für manche unbequem ist, dann zeigt das vielleicht nur, wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, dass Männer keine soziale Ächtung zu fürchten haben, egal, wie schwer ihre moralischen Verfehlungen wiegen.

 

Solidarische Grüße,

Ulrike



Meine Sachbuchempfehlungen zum Thema Liebe im Patriarchat


Meine Romanempfehlungen zum Thema "weibliche Wut"

Wut ist eine produktive Kraft – sie treibt uns an, Missstände nicht länger hinzunehmen. Diese Bücher thematisieren weibliche Wut und ihre transformative Kraft:



Meine Buchempfehlungen zum Thema "Solidarität unter Frauen"

Solidarität ist der Schlüssel zum Wandel – diese Bücher zeigen, wie Frauen sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam kämpfen:



Und wenn du zusammen mit anderen FLINTA*'s gegen das Patriarchat anschreiben möchtest, dann komm gern in meinen monatlichen Schreibkurs "FRAUEN*schreiben".


Bleib inspiriert & kämpferisch,

Ulrike


 
 
 

1 Kommentar


HeRo
11. März

Danke 🫶🏻 für diese klaren, ehrlichen Zeilen. Du hast das sehr gut auf den Punkt gebracht. Ich kann mir vorstellen wie du dich fühlst & sende eine feste Umarmung.

Ich freue mich auf all die guten Texte, die nun deiner berechtigten Wut entspringen werden 👍🏻

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