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Der poetische Monatsrückblick - Dezember 2022

Eine literarische Rückschau auf all die Dezember-Dinge, die ich erlebt, gelernt und geliebt habe. Meinen poetischen Monatsrückblick gibt es immer am letzten Tag eines jeden Monats.



Am ersten Dezember bekomme ich Besuch von meiner Mama. Die letzten Wochen waren für mich gesundheitlich sehr herausfordernd, also freue ich mich auf ein wenig Ablenkung. Wir suchen uns ein chinesisches Restaurant und schlemmen das Mittagsbuffet leer.


Draußen versinkt die Welt in Schnee und Eis. Im Volkspark liegen Schneemassen auf Wegen, Ästen und Zweigen. M. und ich gehen spazieren und zählen 18 verschiedene Weißtöne im Außen. Mein Lieblingsbaum steht, wie von Puderzucker bestäubt und ich möchte meine Zunge herausstrecken und von der weißen Süße kosten. Die hochgewachsenen Bäume am Rande des Waldes wiegen sich in sanften Winterwinden und singen uns schwermütige Lieder von kalten Stürmen.



Alle Straßen sind vereist und ich schlittere schwerfällig aber beschwingt meinem Dezember-Schreib-Wochenende im Gartenhaus entgegen. Im Warmen treffen wir uns schreibend, trinken Tee und denken Geschichten. Das Flackern der Kerzen begleitet unsere Schreibreise ins Innen und sechs, sich völlig fremde, Menschen öffnen ihre Herzen und lassen erste scheue Blicke zu. Wir schreiben, lachen und träumen miteinander und gehen verändert in die nächste Woche: Unsere Geschichten und Ideen hängen an schimmernden Fäden, die durch unsere Hände aufs Papier geflossen sind. Jetzt gehören sie für immer zu uns.


Die nächsten Tage trüben sich. Im Garten erfrieren die Ringelblumen und bilden ein schaurig schönes Gemälde auf den feuchten Gehwegplatten. Der Schnee schmilzt und mit ihm geht das Weiß über in ein schmutziges Grau. Drinnen ist es warm, wenn ich den Ofen anheize. Ich schneide meine Haare ab und am zehnten Dezember kommt der Schnee zurück. Er ist ein kaltes Federbett und legt sich über Rucola und Schnittkohl. Mein Garten ist im Winterschlaf und im Gewächshaus wachsen derzeit nur die Eisblumen.


Dann darf ich, mit vielen starken Frauen zusammen, zu den Rauhnächten schreiben und wieder begleiten uns Tee und Kerzen bei unserer Schreibreise ins Innerste. Tränen fließen, denn das Leben stellt uns manchmal vor unvorstellbare Aufgaben. In der Gruppe finden wir einen geschützten Raum. Unsere Texte spiegeln unsere Ängste und Nöte. Wenn die Furcht so groß ist, vergessen wir schnell welche Kraft doch in uns wohnt. Die Wärme der Gruppe fängt uns auf und bringt uns das Vertrauen in uns selbst wieder bei.


Am Abend streife ich durch verschneite Straßen. Das Licht der Laternen wirft gelbe Schatten und unzählige Schneeflocken glitzern auf dem dunklen Grau meines Strickschals. M. und ich machen Musik in Schwarzweiß und besingen den nächsten Advent.


Und endlich bricht die Sonne durch, hat Nachbars Gartenzaun kleine Schneemützen auf, gefriert der Atem an meinen Brillengläsern.

Ich fühle mich kränklich und lege meinen müden Körper für ein paar Tage auf dem Sofa ab. Mit meiner Kamera fange ich das Winterlicht ein, will es behalten, aufsaugen.


Mitte des Monats weisen uns dann funkelnde Kronleuchter den Weg auf die Empore des Krystallpalasts. Glanzlichter erstrahlen auf der Bühne, wenn Akrobat:innen sich in unvorstellbare Höhen schwingen. Der Abend leuchtet für mich golden und blau. Ich bin noch immer nicht in Weihnachtsstimmung.



M. und ich spazieren nachts und sehen eine der ersten Sternschnuppen der Geminiden. Vor Schreck vergesse ich mir etwas zu wünschen und gehe ganz auf in der Magie des Moments.


Die Sonne säuselt mir Geschichten von helleren Tagen ins Ohr und ich halte mein Gesicht ins gelbe Leuchten, lege mir einen Sonnenvorrat an. Doch nach der Sonne kommt der Regen. Seine Tränen wirft er freigiebig an meine Fensterscheiben und sie machen mir das Herz ganz schwer. Weihnachten möchte ich dieses Jahr lieber ausfallen lassen, doch ich bastele trotzdem Fröbelsterne, die ich mit guten Wünschen fülle und an Freund:innen verteile.


An Heiligabend kommt die Sonne zurück. Ich speise fürstlich im Kreise meiner Wahlfamilie, zum Dessert singen wir „O come, all ye faithful“ und „Ich steh an deiner Krippen hier“. Maria wandelt noch ein Stück durch den Dornwald und ich fühle Frieden in den kleinen Momenten.


Zwei Familienbesuche später beginnen für mich die Rauhnächte, die ich in diesem Jahr wieder schreibend zelebriere. Ich komme zur Ruhe, lese Bücher, trinke Tee, gucke in die Luft, räuchere, schreibe und reflektiere. Ganz bei mir will ich sein.


An Silvester knackt das Holz im Ofen und ich beende meinen Monatsrückblick mit einem wehmütigen Lächeln auf den Lippen. Ich schaue zurück und bedanke mich innerlich beim alten Jahr für all die Erinnerungen, die ich von nun an im Herzen bei mir trage.

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